Mein Crohn und ich
Wie eine chronische Erkrankung mein Leben – und irgendwann auch meinen Beruf – verändert hat
Ende 2012 bekam ich die Diagnose Morbus Crohn.
Ich würde gerne erzählen, dass damals jemand mit mir zusammensaß, mir erklärte, was diese Diagnose bedeutet, welche Möglichkeiten ich habe und wie mein Leben mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung aussehen könnte.
War aber nicht so.
Stattdessen bekam ich – ziemlich überspitzt gesagt – eine Packung Cortison, immunsuppressive Medikamente und einen Post-it mit den Worten „Morbus Crohn“ darauf.
Und dann stand ich da.
Mit einer Diagnose, von der ich kaum etwas wusste, Medikamenten, die ich einnehmen sollte, und ziemlich vielen Fragen.
Und dann begann die Suche
Die nächsten Jahre waren eine ziemliche Odyssee.

Medikamente einstellen. Medikamente wechseln. Nebenwirkungen. Ernährung ausprobieren. Wieder etwas anderes ausprobieren. Lesen. Recherchieren. Hoffen. Verwerfen.
Ich habe mich durch verschiedenste Ernährungsformen und durch gefühlt die halbe Welt der Alternativmedizin gekämpft. Immer mit der Frage:
Was kann ich selbst tun?
Und natürlich war da nicht nur die medizinische Seite.
Da war auch das ganz normale Leben mit Morbus Crohn.
Oder das, was man irgendwie versucht, als normales Leben weiterzuführen.
Ich habe während Sitzungen dagesessen und Schmerzen ausgehalten, während niemand im Raum etwas davon wusste. Ich saß im ÖV und hoffte einfach, irgendwie nach Hause zu kommen. Ich habe Toiletten gesucht, Wege nach Toiletten geplant und vermutlich öfter, als ich zählen könnte, meine persönlichen Würdevorstellungen über Bord werfen müssen.
Und ja: Ich habe mir in die Hose gemacht.
Nicht einmal.
Solche Geschichten erzählt man normalerweise nicht besonders gerne. Sie sind peinlich. Sie sind schambehaftet. Und lange hatte auch ich das Gefühl, dass man über gewisse Dinge einfach nicht spricht.
Heute sehe ich das anders.
Denn genau diese Dinge gehören für viele Menschen mit einer CED zur Realität. Und vielleicht ist es manchmal schon erleichternd zu wissen: Du bist nicht die einzige Person, der das passiert ist.

Irgendwann wollte ich verstehen
Mit der Zeit veränderte sich etwas.
Ich wollte nicht mehr nur wissen, welches Medikament ich wann nehmen sollte. Ich wollte meinen Körper verstehen. Ich wollte verstehen, welche Rolle Ernährung spielt, was meinem Darm guttut, welchen Einfluss Stress und Nervensystem haben und warum mein Körper manchmal so reagiert, wie er reagiert.
Dieser Weg führte mich schließlich auch zur Ausbildung zur Naturheilpraktikerin.
Natürlich habe ich dabei nicht die eine magische Antwort auf Morbus Crohn gefunden. Die gibt es nicht.
Aber ich habe gelernt, meinen Körper anders wahrzunehmen. Zusammenhänge zu erkennen. Medizinische Behandlung und naturheilkundliche Möglichkeiten nicht als Gegensätze zu betrachten. Und vor allem habe ich meinen eigenen Umgang mit dieser Erkrankung gefunden.
Dann wurde es ruhig.
Fast acht Jahre lang war ich schubfrei.
Der Crohn gehörte weiterhin zu meiner Geschichte, aber er bestimmte nicht mehr meinen Alltag.
Bis mein Darm irgendwann beschloss, dass acht Jahre offenbar genug Ruhe waren.
Und plötzlich war er wieder da
2026 rebellierte mein Darm wieder.
Nach Jahren ohne Schub war das ein ziemlich eigenartiges Gefühl. Einerseits bin ich heute Naturheilpraktikerin, habe viel mehr Wissen als damals und kenne meinen Körper wesentlich besser.
Andererseits war ich plötzlich auch wieder einfach Patientin.
Mit Untersuchungen. Entzündungswerten. Medikamenten. Unsicherheit. Beobachten. Hoffen.
Mein Calprotectin lag zwischenzeitlich bei 1'791 µg/g. Ich begann wieder eine medikamentöse Therapie und naturheilkundlichen Mitteln – und mein Darm beruhigte sich.
Im Juni lag das Calprotectin wieder unter 30 µg/g.
Und trotzdem hat mir diese Zeit etwas sehr deutlich gezeigt:
Wissen schützt nicht davor, selbst betroffen zu sein.
Ich kann Naturheilpraktikerin sein, Zusammenhänge verstehen, meinen Körper gut kennen – und trotzdem Angst haben, genervt sein oder mich fragen, warum mein Stuhl heute schon wieder anders aussieht als gestern.
Vielleicht ist genau das heute einer der wertvollsten Teile meiner Arbeit.
Ich kenne beide Seiten
Wenn mir jemand mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa gegenübersitzt, kenne ich nicht nur Lehrbücher, Laborwerte und therapeutische Möglichkeiten.
Ich kenne auch die andere Seite.
Ich weiß, wie es ist, wenn der eigene Darm plötzlich darüber entscheidet, ob man das Haus verlassen möchte. Wenn man Schmerzen hat und trotzdem funktionieren muss. Wenn Essen kompliziert wird. Wenn man sich für seinen Körper schämt. Wenn man nach Möglichkeiten sucht, selbst etwas beitragen zu können – und dabei irgendwann gar nicht mehr weiß, was man eigentlich noch glauben soll.
Und ich weiß, wie sehr man sich manchmal jemanden wünscht, der nicht nur sagt, was man nehmen soll, sondern gemeinsam hinschaut.
Genau diese Begleitung hätte ich mir 2012 gewünscht.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb Morbus Crohn und Colitis ulcerosa heute ein besonderer Schwerpunkt meiner Praxis sind.
Nicht, weil ich glaube, die eine Lösung für CED gefunden zu haben.

Sondern weil ich weiß, wie komplex das Leben mit einer chronischen Erkrankung sein kann.
Mein Crohn und ich kennen uns mittlerweile seit fast 14 Jahren. Unsere Beziehung war zeitweise ziemlich beschissen – im wahrsten Sinne des Wortes. 😅
Aber er hat mich auch geprägt.
Er hat mich neugierig gemacht. Er hat mich gezwungen, meinen Körper kennenzulernen. Er hat meinen beruflichen Weg mitgeprägt und beeinflusst heute, wie ich Menschen in meiner Praxis begegne.
Ich hätte ihn trotzdem nicht bestellt.
Aber wenn er schon Teil meines Lebens ist, möchte ich zumindest etwas Sinnvolles daraus machen. 🌿

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